4. Kapitel | Verletzlich

Niemand will leiden und dennoch lassen
wir uns wieder und wieder verletzen.
Warum nur? Weil unser Stolz verletzt
wurde? Weil wir tief im Inneren wissen,
dass wir bereits vergeben haben? Das
Herz liebt weiter und unser Kopf,
unsere Vernunft, sagt: »Bist du verrückt?
Wie kannst du dies nur zulassen? Wehr
dich!«
Diesen Kampf führen wir in uns und
wir übertragen die Wut auf denjenigen,
der uns verletzt hat. Weil uns dieser
Mensch an etwas erinnerte, das wir
sorgsam versuchten zu verdrängen.
Können wir es schaffen, ehrlich zu uns
selbst zu sein?
Können wir zugeben was uns schmerzt?
Ohne zugleich den anderen zu
verletzen? Denn das wäre nur ein Impuls
aus der Tatsache heraus, dass wir wissen,
dass uns der andere einfach zu Nahe
gekommen ist. Schnell weg, ist das, was
der Kopf uns rät, nimm Abstand, sagt er.
Dabei wäre dieser Mensch unsere Chance.

„Wow! Sternenflaum, bist du da? Sag, wie ging das eben? Wie konnte ich Worte hören, die zu mir sprachen und sich dennoch anfühlten, als hätte ich sie selber gesagt?“ 

„Menschen können das, da sie ihre Wahrheiten in sich tragen. In ruhigen und ehrlichen Momenten könnt ihr eure innere Stimme vernehmen.“ 

„Flaumi, wir sind schon wundersame Wesen …“ 

„Voller Wunder, ja, das kann ich bestätigen. Liebste Fee, deine Angst vor dieser Erinnerung, dieser Verletzung, hat doch mit jemand Bestimmten zu tun, nicht wahr?“

„Ja schon irgendwie, aber auch wieder doch nicht. Ach, es ist kompliziert.“

„Jetzt wäre eine gute Gelegenheit, darüber zu sprechen. Kompliziertes verwandle ich mit Liebe!“

„Aber Sternenflaum, du sagst das so leicht! Weißt du, mir kam vorhin natürlich ein Mensch in den Sinn, der mich vermeintlich verletzte. Aber er tat das nicht absichtlich. Ich ließ mich verletzen, ich ließ es zu, verletzt zu werden! Im Grunde habe ich mich selber verletzt.“

„Weil Schmerz etwas Großes ist, etwas Lautes. Weil Schmerz soviel übertönen kann.“

„Ja! Woher weißt DU das? Kennst du Schmerzen? Ich meine nicht die körperlichen, obwohl … ach …“

„Im Schmerz fällt es leichter wegzusehen – von sich selbst. Es lässt sich gut verstecken hinter dem Schmerz, hinter der Verletzung. Dabei noch viel jammern und klagen und völlig vergessen, dass du dich gerade selbst nicht magst. Der andere ist schuld.“

„Ja. Nein. Das ist eben kompliziert! Ich mag niemandem eine Schuld geben.“

„Nun gut, also ist nicht immer wer schuld. Du hast schon viel gelernt und erfahren, so dass du weißt, dass Schuldzuweisungen nichts bringen. Trotzdem. Wäre es nicht schön, wenn der andere Schuld hätte? Wenn seine Verletzungen wenigstens absichtlich gewesen wären? Dann könntest du jetzt so richtig wütend sein! Und der Schmerz hätte einen Kanal. Der ganze Schmerz könnte in die Wut abfließen.“

„Und dann? Erleichterung? Pah! Von wegen. Wut fühlt sich ja auch nicht besser an.“

„Also Fee, was bleibt? Müdigkeit, nicht wahr? Müdigkeit vom Weglaufen, Müdigkeit dem anderen gegenüber, Müdigkeit gegen dich selbst.“

„Es nervt. Deswegen mag ich mich ja nicht erinnern. Doch ich seh schon, du lässt nicht locker, was? Flaumi, da müssen wir jetzt durch.“

Dieses Verantwortungsgefühl, das sich
jetzt einen Weg durchs Innere bahnt,
fühlt sich gar nicht gut an.
Verantwortung für mich selbst.
Na vielen Dank. Wie wenn ich es nicht
gewusst hätte, dass es wiedermal
darauf hinausläuft. Aber hören
wollte ich es nicht. Da war es gut, als
der Schmerz noch so laut schrie.
Tja, aber der Schmerz vergeht, die Wut
auch, was bleibt bin ich. Ich und meine
Verantwortung. Ich und mein Ego. Ich
und mein Stolz. Jetzt werde ich wieder
wütend. Was soll das? Wenn ich so
weitermache, werden die Zeilen von
oben nun wirklich wahr und ich füge
mir selber Leid und Schmerz zu. Ich
will das nicht! Ich will doch nicht
leiden! Also dann, was will ich dann?
Glück und Liebe und Freiheit und
Erfolg. Ja genau, das will ich. Und
wenn ich das nicht habe oder
bekomme, dann jammere ich
wieder und leide? Himmel!!!

„Oh Sternenflaum, das sitzt so tief. Ich drehe mich im Kreis. Außerdem weiß ich immer noch nicht, wo diese ganzen Worte herkommen. Auf einmal glitzert da was und zack schon sind sie in meinem Kopf. Bist du sicher, dass mir das hilft?“

„Wie war das noch? »Dabei wäre dieser Mensch unsere Chance.« Dieser Mensch. Dem du gestattest dich so tief zu berühren und der dir zeigt, was du an dir selbst nicht magst.“

„Das ist also der Grund.”

„So einfach und doch so schwer. Deshalb die Chance.“

„Sternenflaum, sag, kann ich lernen mich selbst lieber zu haben? Kann ich aufhören, mit mir selbst zu schimpfen und mir Vorwürfe zu machen? Ich möchte auch anderen gerne glauben, wenn sie sagen, dass sie mich mögen …“



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