28. Kapitel | Herzatmen

„Wenn ich an dich denke, atmet mein Herz tief. Es weitet sich mit jedem Buchstaben deines Namens …“

So sitze ich nun hier und frage mich, was das alles soll. Was ich hier soll, in diesem Traum der vielleicht doch keiner ist. Diese Reise zu Nara. Ja, ich habe verstanden, dass dies ein Wortspiel meint, dass Nara die Abkürzung für „natürlichster Raum“ ist. Der natürlichste Raum, in mir, wo sonst. Ich in mir, die Reise zu mir. Als wäre ich nicht sowieso immer mit mir. Vielleicht nicht bewusst genug. Sonst wäre das hier ja alles nicht passiert. Wo ist eigentlich Sternenflaum? Hallo? Flaumi?

Liebste Fee, stets in deiner Nähe.

Manchmal ist mir das Unheimlich. Ich sehe dich nicht, nehme dich nicht wahr, doch sobald ich dich vermisse und rufe bist du da.

Du hast die Silbe Un- benutzt. Hast du darüber schon einmal nachgedacht?

Nein, Flaumi, hab ich nicht. Aber ehrlich gesagt, interessiert mich das gerade wenig. Mein Herz weint und ich bin selbst wieder Achterbahn gefahren und es tat mir nicht gut und …

Ich bin da. Du hast es selbst vorhin gesagt, ich bin immer da. Du nimmst mich wahr, sobald du mich rufst.

Ja, stimmt schon. Danke. Doch ach, ich bin traurig und verletzt und verwirrt …

Du wundervolles Wesen, willst du mir dennoch etwas Aufmerksamkeit widmen und zuhören, was ich dir erzählen möchte?

Natürlich, klar. Flaumi, du hast ja schon immer deine eigene Art gehabt, mir etwas Nahe zu bringen. Also erzähl, was meinst du mit der Silbe Un-?

Es heißt, es muss immer erst etwas passieren, damit der Mensch zum Umdenken und ins Handeln kommt. 

Das ist schwer für mich zu akzeptieren. Was wünschte ich es mir, dass schon vor einem Unglück … 

Dabei, schau das Wort U n g l ü c k.

Ja, wir setzen die Silbe un- vor ein gutes Wort, wenn es uns schwerfällt, das totale Gegenteil zu erfassen. Ein bisschen vom Schönen bleibt erhalten, vielleicht dient das der Hoffnung und damit wir es nicht ganz aufgeben. Un-heilbar. Un-gern. Un-möglich.

Es gibt sie nicht, die perfekte, makellose Welt und so wird das un- auch vor Wörter gesetzt, die einem das vor Augen halten. Un-zerstörbar. Un-verwundbar. Un-getrennt. Es hat etwas Ehrliches an sich beide Seiten zu sehen.

Können wir auch beide Seiten leben?

Die Frage stellt sich nicht. Unverwundbar ist nichts auf der Welt. Der Mensch nicht, Körper und Seelen nicht, die Natur nicht und selbst die Maschinen nicht.

Können wir lernen damit umzugehen? Das Herz Heilung atmen lassen? Erinnerungstränen in Liebe fließen lassen? Schmerz nicht zu verdrängen …

Ich möchte mein Herz achten und dankbar sein. 

Du weißt, Sternenflaum, manchmal wird es ganz groß und es schlägt so wild, dass es mir schon Angst macht. Schrei, höre ich es in mir drin. Schrei endlich! Doch so wenig wie ich darauf höre, so wenig hören es die anderen. Was immer im Herzen und in der Seele passiert, es ist in mir.

Wenn ein Unglück passierte, dann kommen die Fragen. Die Un-sicherheit. Wir fragen, ob wir uns hätten anders verhalten können. Dabei ist es schon im Wort. Wir wissen sicher, dass dem nicht so ist. In einem Buch von Peter Lauster heißt es, dass die wenigsten Menschen psychisch gesund sind. Wir lernen nichts darüber und wachsen doch damit auf. Das Gute daran ist, dass wir dadurch Empathie empfinden können.

Ist gelebte Empathie das bessere Verstanden werden? 

Nach einem Unglück drückt sie sich in Trost aus und in Beileid. Doch pass auf, achte auf dein Herz, atme in dein Herz und frage es, frage dich in deinem Inneren, ob das für dich stimmt.

Mein Herz weitet sich. Atmet die Erinnerung, den Schmerz, die Trauer und auch die Liebe.



Dieses Kapitel ist Onkel Hansi und seiner Familie gewidmet. – Nov. 2019