23. Kapitel | Licht & Schatten

„Ich leb ja! Doch, lieber Sternenflaum, deine Fragen vorhin haben mir ganz schön zugesetzt. Ist es wirklich so, dass ich nicht richtig lebe, wenn ich mich zurückziehe? Mal nachdenklich bin oder traurig?“

„Natürlich nicht, liebste Fee! Die Fragen dienen dazu, dass du von dort auch wieder zurückkommst, wieder aufstehst und das Leben aktiv lebst.“

„Danke, Flaumi, hat ja geholfen. Ich möchte gerne mit dir etwas besprechen, was mir dazu nicht aus dem Sinn geht:

LICHT UND SCHATTEN

Wenn ich das höre, verbinde ich es mit Glück und Traurigkeit. Wie Antonyme. Das Licht, das Glück, die Heiterkeit und Lebensfreude. Der Schatten, die Traurigkeit, die Sorgen und Schmerz. Das eine kann ohne das andere nicht existieren, heißt es.“

„Ohne Lichtquelle gibt es keinen Schatten.“

„Wenn Glück Licht ist und Traurigkeit Schatten, dann stimmt es für mich nicht mehr richtig. Denn das hieße ja, wo Traurigkeit ist, ist auch Glück da, es bringt sie sogar hervor! Eine verwirrende Vorstellung. Denn wer schon einmal richtig traurig war, der weiß, dass solche Vergleiche einem nicht wirklich weiterhelfen. Da ist kein Glück, nicht mal ein kleines. Und andersherum, wenn man so richtig glücklich ist, wenn man die Welt umarmen könnte vor Freude! Wenn das Herz in einem springt, die Sonne in einem lacht, wenn alles nur noch wunderschön ist, … wo ist dann der Schatten, bzw. die Traurigkeit? Nicht da, definitiv nicht da.“

„Nicht in deiner Wahrnehmung.“

„Stimmt. In meiner Wahrnehmung möchte ich Schatten nicht mehr als etwas Negatives haben. Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. In einem Buch las ich vor kurzem: „Zwei Schwestern, Licht und Schatten, eine Nähe die keine Worte braucht.“ Da wurde Licht für Fröhlichkeit und Schatten für Nachdenklichkeit benutzt. Und wieder heißt es, nicht eines ohne das andere. Ich verstehe es nicht.“

„Du magst es vor allem nicht, wenn Nachdenklichkeit als etwas Negatives dargestellt wird, nicht wahr?“

„Flaumi, ich habe das Gefühl, wenn ich für andere nachdenklich bin, ich in Wirklichkeit ganz nah bei mir selbst bin. Ich denke nicht nur nach, ich fühle nach. Tief und still und gründlich.“

„Da hast du vielen etwas voraus. Lass dich bitte von dir nicht abbringen. Auch nicht von mir! Ich locke dich, ja, denn du möchtest viel erfahren und dich besser kennen lernen.“

„Danke Sternenflaum, wirklich! Es ist nur so seltsam, den aufs erste Hören hin, weiß ich genau was gemeint ist, wenn Menschen oder Situationen mit Licht und Schatten beschrieben werden. Nur dann, wenn ich genauer darüber nachdenke, dann erschließt sich mir der Sinn doch nicht.“

„Du machst das bisher ganz richtig. Mit dem Herzen denken. Versuche es nochmal.“

„Ich will nicht so banal darüber denken, wie, selbst im größten Glück kann mal was passieren, auf den Regen folgt Sonnenschein und umgekehrt, oder aus jedem Loch kommt man wieder raus, wenn man nur will. Ja was will? Das Licht sehen? Sicher. Ich stelle mir gerade ein tiefes, dunkles Loch vor, eine traurige, weinende Seele. Sie sucht das Licht, die Seele will wieder lachen. Aber was bringt es, wenn man ganz unten sitzt, und oben sieht man, dass die Sonne scheint? Soll man heiter rufen, ah die Sonne, das Licht! Jetzt ist wieder alles gut? Was, wenn die Sonne blendet und man den Kopf abwendet? Wieder Schatten.“

„Stell dir einen wundervollen Tag am Meer vor. Herrlicher Sonnenschein, warmer Strand, kühles Meer, ein Traumtag, eine Seele die lacht und liebt. So schön, so wunderschön. Am Strand stehen Palmen, sie spenden Schatten. Gut tut das. Ein bisschen Pause machen, sich unter die Palme in den Schatten legen, das Leben genießen … Wo ist das Problem? Es gibt keines. Nicht einmal der Schatten vermag das Glück zu stören. Und du willst jetzt auch nicht hören, dass jeder schöne Tag mal zu Ende geht, oder wer weiß, vielleicht regnet es morgen, oder man streitet abends über irgendwas. Oder: aus jedem Traum wacht man mal auf.“

„Nein, Flaumi! Kann es auch NUR Licht geben? Muss wirklich immer Schatten folgen? Selbst wenn, dann bitte wie bei den Palmen am Meer.
Schatten integriert und genutzt.“

„Die Sterne werfen keinen Schatten.“

„Oh.“

„Das ist jetzt seltsam, es klingt traurig. Du wolltest doch NUR Licht …“

„Änderung. Ich nehm den Schatten mit. Die armen Sterne. Das wäre ja wie, wenn ich als lichtvoller Mensch keinen Schatten werfen würde … so als hätte mein Leben und Tun keine Auswirkung. Dabei kann sich ja auch jemand in meinem Schatten kühlen und erholen (nur so als Palme gedacht), wenn ich jemandem helfe zum Beispiel. Dabei klingt das jetzt ziemlich arrogant. Flaumi, ich komme da gerade nicht weiter.“

„Nimm dir Zeit, das kennst du ja schon. Wir sprechen bald weiter.“



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