12. Kapitel | Brücken

„Meinen Weg mit dem Herzen und in Dankbarkeit gehen. Wie schön das klingt und wie gut sich das anfühlt! Wie kommt es dann, dass dies so schwierig ist? Sternenflaum, das ist ein Widerspruch, den ich nicht begreife.“

„Liebste Fee, du gehst mit einem Bein aus dem Herzen und mit dem zweiten aus dem Verstand. Es wäre kein Wunder, wenn du ab und an stolperst.“

„Danke, Flaumi, du schaffst es mal wieder mit nachdenklich und zum Lachen zugleich zu bringen! Ich werde mir die Worte von vorhin, die über den Weg nochmal in Ruhe ansehen.“

„Das ist eine sehr gute Idee. Nimm dir Zeit, hier hast du Raum …“

„Vor kurzem las ich, dass es schwierig ist zu entscheiden, welche Brücken man gehen, und welche man abbrechen soll. Darüber habe ich viel nachgedacht. Mir fielen die Brücken ein, die ich in meiner Vergangenheit bereits abgebrochen habe. »Es tut mir leid« sind die Worte, die ich in mir höre, wenn mir die Trümmer einfallen, die ich wohl hinterlassen habe.“

„Wäre es nicht schöner, die Brücken nicht abzubrechen, sondern sich gegenseitig auf der Brücke zu verabschieden?“

„Oh! Die Stimme des Lichtes ist zurück! Verrätst du mir jetzt, wer du bist und woher du kommst? Ich mag es sehr, mit Sternenflaum hier zu sein, ich fühle mich wohl, wirklich! Doch ich habe so viele Fragen! Wo bin ich, wer bist du, warum bin ich hier, wie lange bin ich hier? Flaumi antwortet mir nicht richtig … Bitte du schöne Lichtstimme, sprich mit mir!“

„Erinnerst du dich an das Ziel der Reise? Nara?“

„Nara, der natürlichste Raum. Ja, ich erinnere mich. Das klingt so schön. So vertraut, so innen irgendwie. Warte, innen? Du meinst, Nara ist in mir? Ich habe einen Raum in mir?“

„Deine Reise zu dir. Eine Einladung, dich selbst besser kennenzulernen, besser mit dir klarzukommen, liebevoller zu dir zu sein, weil du dich mehr und mehr verstehst.“

„Die Zusammenhänge vor allem. Danke. Doch weißt du, ich hatte ein bisschen Angst vor der Reise, die Sache mit den Erinnerungen fällt mir schwer. Sternenflaum hat mir sehr geholfen, mir viel erklärt, doch da nagt noch so einiges. Das trage ich auch in Nara mit mir herum, nicht wahr?“

„Jeder weiß, wie sehr das schlechte Gewissen an einem nagen kann und wie lange. Nur selten bietet sich die Gelegenheit, sich nicht nur entschuldigen zu können, sondern auch wirklich die Trümmer beiseite zu räumen, also sich ehrlich auszusprechen. Natürlich gilt es dabei eine große Angst zu überwinden und den eigenen Stolz. Doch ist es nicht so, dass wenn du zurückdenkst, dir der Auslöser von damals, das was dich dazu brachte die Brücke abzubrechen, aus heutiger Sicht bei weitem nicht mehr so schlimm erscheint? Dass du oft nicht einmal mehr genau weißt, warum es Streit gab? Oder dass du einsehen darfst, dass du möglicherweise überreagiert hast? Selbst wenn dir die Geschehnisse noch sehr gut in Erinnerung sind und sie dich im Inneren immer noch schmerzen, möchtest du nicht gerne mit dem Thema abschließen?“

„So sehr!“

„Warte nicht darauf, dass der Mensch auf der anderen Seite auf dich zugeht. Geh du den ersten Schritt! Baue die erste neue Brücke, die der Ehrlichkeit. Baue die Brücke der Ehrlichkeit zu dir selbst. Und dann, gehe darüber und sage: »Es tut mir leid«. Denn dabei entschuldigst du dich auch bei dir selbst, denn du weißt, dass zu einem Streit oder einem Bruch, zwei gehören. Es ist auch nicht zwingend notwendig, dass ihr eine neue Brücke erschafft. Ein Verzeihen muss kein Neubeginn in dem Sinne sein. Vielmehr ist es ein Neubeginn in dir selbst. Du wirst dich freier fühlen!“

„Das braucht Mut.“

„Gib dir die Möglichkeit, dich von alten Schmerzen und Kummer zu befreien. Es funktioniert, du wirst sehen. Und dabei spielt es nicht einmal eine große Rolle, wie auf der anderen Seite reagiert wird. Du bist über die Brücke deiner Ehrlichkeit gegangen, hast die Angst und den Stolz überwunden. Du wirst dich großartig fühlen und du hast dir dieses Gefühl wirklich verdient! Sei glücklich darüber!“

„Ich will das wirklich! Es tut so vieles so leid und so weh und ich bin nicht mehr wütend, nur noch traurig und verletzt.“

„Um dir etwas von deiner Angst zu nehmen, möchte ich dir sagen, dass es auch möglich ist, dass auf der anderen Seite gar keine Trümmer mehr sind, dass dir längst verziehen wurde, bzw. Frieden mit der Sache gemacht wurde. Vielleicht trägst nur noch du das schlechte Gewissen mit dir herum? Also, geh den ersten Schritt, geh in jetzt. Denn dies ist so eine Chance, die das Leben einem bietet. Eine Chance auf die du doch schon lange gewartet hast. Nutze sie. Sie ist DEIN Geschenk. Deine Brücke.“

„Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Aber ehrlich, manche Enttäuschung sitzt sehr tief, ich weiß nicht, ob ich stark genug bin zu verzeihen … vor allem mir selbst zu verzeihen …“

„Wie wäre es mit Dankbarkeit?“

„Sternenflaum! Du bist zurück, wie schön! Ich habe mit der Lichtstimme gesprochen, aber das weißt du sicher. Diese Stimme klingt so warm und so vertraut, alle Worte sind so selbstverständlich wahr. Natürlich bin ich dankbar, sehr sogar! Diese Reise, sie ist wirklich ein Geschenk.“

„Dir Zeit und Raum zu nehmen ist eines, die Dinge vor dich herschieben dagegen …?“

„… ist nicht besonders klug, ich weiß. Vor allem, da das hier wirklich eine Chance ist. Doch gönnst du mir trotzdem eine Pause bitte? So viele Worte und Erinnerungen, soviel zu denken und noch viel mehr Gefühle … Ich muss das alles erstmal verarbeiten …“



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